1. Zunächst einmal müssen wir hier einmal klar in der Sprache definieren und unterscheiden: Anlehnung, Beizäumung und Selbsthaltung:
„Selbsthaltung ist derjenige Zustand des in der Bewegung befindlichen Pferdes, in welchem sich dieses, nur unterstützt von seinen vier Beinen, in dem von ihm gewollten gleichmäßigen Takt erhalten kann. Sie ist eine Folge des Gleichgewichts und ohne dieses nicht möglich.“ (Waldemar Seunig, Von der Koppel bis zur Kapriole, S. 121, Olms, 2001)
Zum Thema Anlehnung sagt Pferdesport Deutschland (früher FN): „Was ist eigentlich Anlehnung? Definiert ist sie als eine stete, weich federnde Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdemaul. Die Anlehnung ist einer der sechs Punkte der Skala der Ausbildung. Dazu gehören außerdem Takt, Losgelassenheit, Schwung, Geraderichtung und Versammlung. Die Skala der Ausbildung ist nicht nur das Fundament der klassischen Reitlehre, sondern auch der Grundstein für eine harmonische Reiter-Pferd-Beziehung.Korrekte Anlehnung entsteht durch Treiben von hinten nach vorn – an die Hand heran. Nur wenn sich das Pferd losgelassen an das Gebiss herandehnt, entsteht eine konstante Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdemaul und nur daraus kann sich Anlehnung entwickeln. Vom Pferd gesucht, vom Reiter gestattet – Dieser Grundsatz stellt klar, dass Anlehnung das Vertrauen zur Reiterhand braucht. (Quelle: Die Skala der Ausbildung – Anlehnung | FN )
“Die Beizäumung ist eine Folgeerscheinung und das Ergebnis von Schub und Schwung, durch die sich das losgelassene Pferd an die aushaltenden Hand heranformt, sich an die Hand gestellt hat. (…) Zu diesem Zweck muss sich das Pferd mit losgelassenem, den höchsten Punkt bildendem Genick, herangedehntem Halse und in sicherer Anlehnung infolge treibender Einwirkung von selbst in die Hand stellen…“ (Waldemar Seunig, Von der Koppel bis zur Kapriole, S. 132, Olms, 2001)
Gemäß der klassischen Reitlehre ist also ein Pferd mit hinter der Senkrechten ausweichender Nasenlinie nicht korrekt geritten, die Beizäumung und die Anlehnung sind immer fehlerhaft!
2. Anatomische Grundlagen
Das Pferd hat 7 große und bewegliche Halswirbel, die eine S Kurve bilden. Hat das Pferd durch eine korrekte Ausbildung gelernt, einen Reiter zu tragen, wird es seinen Rumpftrageapparat aktiv benutzen um sich zu stabilisieren. Ein wichtiger Bestandteil des Rumpftrageapparates ist der M. Serratus ventralis, welcher die Halsbasis über die unteren Halswirbel stabilisiert. So entsteht für den Betrachter von außen eine aufgewölbte, lange Halsoberlinie bei entspannter und kurzer Halsunterlinie. Je nachdem in welcher Höhe nun der Hals getragen wird, bildet das Genick automatisch den höchsten Punkt, der Ganaschenwinkel bleibt offen und die Stirn-Nasen-Linie fällt ohne Kraftaufwendung an die Position eine Handbreit vor der Senkrechten.
(Wird der Hals jetzt tiefer getragen als „Maulspalte auf Buggelenkshöhe“ beim korrekten Zügel aus der Hand kauen lassen, kommt das Genick natürlich tiefer als der Widerrist und ist damit nicht mehr der höchste Punkt, aber das Genick bleibt offen, die Nasenlinie bleibt vor der Senkrechten und kann das Pferd den gewölbten Oberhals weiter tragen und erzeugt genug Schub, kommt es dabei nicht mal vermehrt auf die Vorhand.)
Sofern Anlehnung und Tragfähigkeit nicht korrekt entwickelt wurden und der Reiter die Beizäumung mit der Hand erzwingt, wird die S Form der Halswirbelsäule gestaucht und es kommt u.a. zu Verspannungen im Genick und in der unteren Halswirbelsäule.
3: Aber warum gehen Pferde auch Freiwillig hinter der Senkrechten, ODER ist das nur schlecht, wenn es erzwungen wurde?
Ein zu enges Pferd zeigt einen Anlehnungsfehler („hinter dem Zügel“), genau wie ein Pferd, welches gegen das Gebiss drückt („gegen oder über dem Zügel“). Auch, wenn ein Pferd diese Haltung freiwillig einnimmt, sollte diesem entgegen gewirkt werden, und ist es ein Zeichen für eine fehlende Rumpfstabilität oder Kraft, evtl. auch einfach ein Ermüdungsanzeichen. Warum macht das Pferd das? Der Kopf ist relativ schwer, um diesen weit entfernt vom Körper zu tragen braucht es Kraft. Sind Kraft und Balance noch nicht gefestigt, nimmt das Pferd die Kopf näher zum Körperschwerpunkt um sich die Arbeit zu erleichtern.
4: Warum macht der Reiter das?
Es gibt eine Vielzahl von Gründen, warum so viele Pferde heute nicht mehr korrekt gehen:
ein falsches Bild von korrekter Anlehnung und fehlende Vorbilder
Kontrolle: das eng gezogene Pferd kann sich weniger widersetzen, lernt hilflos dem Reiter ausgesetzt zu sein und kann weniger Umweltreize sehen
Erfolg: Enge Pferde werden im Dressursport besser bewertet – hier driften Reglement und Realität weit auseinander, auch die Richter haben offensichtlich keine Ahnung mehr, wie es aussehen soll.
Man stelle sich im Fußball einmal ein Abseitstor vor, welches vom Schiedsrichter anerkannt wird, weil es so spektakulär aussah und das Spiel spannend gemacht hat – er Aufschrei und Protest wären gewaltig. Ein enges Pferd im Grand Prix? Wird mit 9er und 10er Noten bewertet, wenn die Beine nur hoch genug gehoben werden. Daran haben wir uns gewöhnt und die Reiter machen das, was Erfolg bringt. Das ist sogar bereits wissenschaftlich belegt und hat nichts mit Hetzen zu tun. Ich persönlich finde es nur sehr schade, dass so der Sport kaputt gemacht wird, denn ich bin der festen Überzeugung, dass ein pferdegerechter Sport möglich ist.
Die Studie „Equine conflict behaviors in dressage and their relationship to performance evaluation“ von Kathryn L. Hamilton, Bryony E. Lancaster und Carol Hall ist im September 2022 in der Zeitschrift ,Journal of Veterinary Behavior‘ erschienen und kann in englischer Originalfassung nachgelesen werden.(https://doi.org/10.1016/j.jveb.2022.07.011)
Die Studie „Comparison of different head and neck positions and behaviour in ridden elite dressage horses between warm-up and competition“ von Kathrin Kienapfel-Henseleit, Lara Piccolo, Annik Gmel, Dominik Rueß und Iris Bachmann ist am 17. Dez. 2021 als Preprint auf dem Portal biorxiv.org erschienen und kann in englischer Originalfassung nachgelesen werden.(https://doi.org/10.1101/2021.12.17.473217)
4: Veränderung der Pferdezucht: Durch die Aufspaltung der Zuchtziele werden gezielt Dressurpferde mit hoher Rittigkeit und spektakulären Bewegungen gezüchtet. Diese Pferde sind oft schmal, haben lange Röhrbeine, sind kurz und optisch „bergauf“ gezüchtet. Dazu kommt ein oft sehr weiches Bindegewebe, lange Hebel bei strammer Muskulatur und großer Erregbarkeit.
Dieser „Dressurporsche“ ist in der Ausbildung aber eigentlich sehr anspruchsvoll, auch wenn sich der Anspruch gewandelt hat. Die Pferde sind leicht im Genick, unausbalanciert und „an“. Wenn man nun den Hals schon einmal unter Kontrolle hat, kann der Reiter die Balance steuern und wenn dann genug Tempo im System ist, fliegen die Beine und der lackschwarze Strampler wird teuer. Das dieses Ausbildungskonzept unweigerlich zum Schenkelgänger führt ist egal, denn das ganze System ist darauf abgestimmt: Reithalfter, Gebisse, Sättel mit tiefen Sitz und extra hohen Pauschen, Hilfzügel, Beinschutz und die Superhaftreithose.
5: Warum ha sich das so entwickelt?
Es gab immer wieder in der Geschichte Versuche, wie man die Ausbildung abkürzen kann und auch Strömungen, welche die enge Haltung propagiert haben. Eine gute und pferdegerechte Ausbildung braucht Zeit und Wissen. Zeit scheint heutzutage aber überall knapp zu sein. Der Richter befindet sich außerdem mittlerweile in der Misere welches zu enge Pferd denn nun nach vorne gehört. Es gibt im Sport nämlich kaum (keine) Akteure mehr, welche sich wirklich mit Herzblut der klassischen Reiterei verpflichtet fühlen. Die Reiter, welche diese Grundlagen pflegen, halten sich mittlerweile aus dem Turniersport heraus.
Fazit: Dressursport heute hat nur noch wenig mit klassischer Reitlehre zu tun und sollte sich langsam auch begrifflich davon abwenden um Verwirrungen vorzubeugen. Die Alternative lautet „back to the roots“ – warscheinlich ist es noch nicht zu spät.
Für die Pferde und auch unter biomechanischen Gesichtspunkten wäre es schön, wenn sich der Reitsport auf seine Wurzeln besinnt und Reiten wieder für die Pferde gemacht wird. Außerdem ist ein Kulturgut in Gefahr!
Nach klassischen Grundsätzen gehört die Pferdenase beim Reiten vor die Senkrechte – und wenn sie dort nicht ist, muss weiter geübt werden!
